"Erlebtes und Geschautes"
Texte, Impulse, Inspiration und Systemisches.

Ein Blog über Themen, die mich berühren und beschäftigen.

Blog News

Feed

12.07.2024, 09:42

Neuer Text - Kategorie "Menschen"

Wolfgang, die Wut und das innere Kind. Ein Text über mögliche Auswege aus der Wut   mehr




03.07.2024

Ein Brief, Liebe und Kartoffeln

Briefe2.jpgDie letzten Wochen saßen ihr noch im Nacken. Eine Mischung aus Trauer, Erschöpfung und Leere lagen auf ihren Schultern. Die  Ärztin hatte am Morgen angerufen und gesagt, dass sich ihre Mutter auf den Weg mache.
Wie in Trance packte die Tochter ihre Sachen wieder in den kleinen Koffer, den sie erst am Tag zuvor, im Glauben zuhause kurz verschnaufen zu können, ausgepackt hatte.
Momente der Wahrheit, der Nähe, der Traurigkeit und der Wehmut lagen hinter ihr, als sie  wieder am Bett ihrer Mutter stand. Ihre Mutter hatte mit dem Sterben auf sie gewartet. Gewartet bis 300 Kilometer Autobahn überwunden waren.
Eine Umarmung und die geflüsterten Worte „ich bin jetzt da“ ließen die Mutter ruhiger werden. Dann kam die Stille. Es gab keine Zeit mehr. Sie und ihre Mutter, aus der langsam das Leben wich, schienen eingefroren. Eingefroren wie schmelzendes Eis am Endes des Winters, klar, durchsichtig und  zerbrechlich, zur Auflösung bestimmt.

Ihre Mutter trug ihr schönstes Kleid, als sie mit zwei Männern des Beerdigungsinstitutes die Wohnung verließ und davon fuhr. Leere und Stille blieben.

Auch der Geruch ihrer Mutter blieb noch eine Weile. Sie konnte ihn noch riechen, als sie nach der Beerdigung wieder das Schlafzimmer betrat, das viele Wochen der Mittelpunkt des Lebens gewesen war.
Einem Impuls folgend öffnete sie die Nachttischschublade. Eine Sammlung von Gedichten, Sinnsprüchen und Taschentüchern lagen aufeinander gestapelt. Obendrauf ein Briefumschlag. Er schien schon tausendmal geöffnet worden zu sein und sein Inhalt ebenso häufig wieder zusammengefaltet. „Frohe Weihnachten 2011“ stand auf dem Umschlag und sie erkannte ihre eigene Handschrift. So viele Jahre hatte der Brief in dieser Schublade gelegen. Sie zog ihn aus der ausgefransten Öffnung des Umschlags und begann zu lesen:

Hallo Ihr lieben Zwei,
heute ist der 19.12., ein Montag. Es ist schon 20:00 Uhr und ich sitze in der Küche an unserem großen Küchentisch und schreibe diese Zeilen an euch.
Bald werde ich wieder meinen kleinen, schwarzen Koffer ins Auto stecken und mich auf den Weg zu euch machen. Wie immer werde ich nach dem Öffnen der Tür direkt das Bad ansteuern und auf die Toilette flitzen müssen. Und dann bin ich da!
Mit einem Schlag befinde ich mich in einer anderen Zeitrechnung. In mir steckt noch die Hektik der Autobahn und die Gedanken der letzten Woche. Doch dann bin ich auf einmal wieder Tochter, mit Eltern, die gewartet haben und einer Mutter, die mein Lieblingsessen zubereitet hat. In meinem Gepäck habe ich Leben, Geschichten von den Kindern und mir. Und alle wollen erzählt werden.

Ist es nicht wunderschön, dass wir das alles haben?
Jedes Mal wenn ich zu euch komme, steht die Zeit still und gleichzeitig rennt sie davon. Schnell ist der Moment wieder gekommen, in dem ich eine lange Reihe westfälischer Mettwürstchen, die wirklich köstlichen Eier vom nahegelegen Bauernhof und mindesten 5 Kilo „der guten Kartoffeln vom Bauer Beehrend“ einpacke, die ihr für mich besorgt habt. Mein Gepäck, mit dem ich wieder abreise, scheint sich jedes Mal zu vermehren.
Und in euren Gesichtern sehe ich Freude und Trauer. Freude uns gehabt zu haben und Trauer, uns wieder verabschieden zu müssen.
Doch der Abschied dauert nur so lange, bis ich wieder klingle und geradeaus auf die Toilette flitze.Wohnzimmer2.jpg
Liebe Mama, lieber Papa, ich wünsche euch frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr, in dem wir eure 80. Geburtstage feiern werden.
Liebe Grüße Eure
Judith

Admin - 08:45 @ Erlebtes | Kommentar hinzufügen


 

Über mich
Sozialpädagogin
Systemische Beraterin und Systemische Kinder-und Jugendtherapeutin


 
 
 
E-Mail
Anruf
Karte
Infos