Erlebtes und Geschautes

Texte, Gedichte und Impulse über Begegnungen mit dem Leben
Systemisches in Paargschichten mit dem Hang zum Perpektivwechsel

18.01.2024

Blitz-Eis und die Spur von Gold

Frauen Figur.jpgEs ist 1:00 Uhr in der Nacht. Im Kopf ein Karussell. Gedanken kreisen, bleiben an der Decke hängen, fallen auf sie zurück, werden erneut gedacht. Manche kommen voran, andere bleiben im Gestrüpp der Nacht hängen, enden blind,  tragen keine Früchte. Draußen ist es kalt. Minusgrade. Blitz-Eis wird  erwartet.
Ihre Gedanken stehen nicht still. Ihr Körper wärmt sich unter dicken Decken. Eine davon ist elektrisch zu heizen. Am Abend zuvor hatte ihr Mann, wie jeden Abend im Winter, die Heizdecke eine halbe Stunde vor dem zu Bettgehen für sie eingeschaltet. Eine wohlige kleine Bärenhöhle erwartet sie jeden Abend, wenn sie die Bettdecken zurückschlägt und sich unter ihnen für die nächsten Stunden begraben lässt. Die Welt bleibt draußen.
Heute Nacht lässt sich die Welt nicht abschütteln. Die Gedanken kommen nicht zur Ruhe. 46 Jahre ziehen an ihr vorbei.
Nach dem Abitur hatte sie eher aus fehlender Alternative, als aus Begeisterung zum ersten Mal den weißen „Schwestern-Kittel“ aus dem Spint der Personal Umkleide der Klinik herusgeholt, um ihn in den nächsten Jahren als Berufskleidung nicht mehr abzulegen. Es folgten noch viele Jahre  in der grün-blauen Funktionskleidung der Intensivstation.
Menschen in Ausnahmesituationen, ihre Krankheit, ihr Tod, ihre Angst und ihr Glück nach überstandener Krise zogen in ihr Leben ein. Abenteuer, Freundschaften, Partys, Liebe und Freiheit ebenso.
Sommersprossig, mit langen Haaren und schlanker Taille wurde sie zur Freundin, Frau, Mutter, Feministin, Gefährtin, Therapeutin, Leitung. Der helfende Beruf blieb an ihr kleben. Auch als sie den „Schwestern-Kittel“ zurückließ und Platz nahm, auf den Sofas der Republick, die vom Leben ihrer Besitzer gezeichnet waren. Nun gehörten Drogen, Alkohol, verzweifelte Mütter und Väter, gefährdete Jungs  und Mädchen, Anträge zum Lebensunterhalt, Trauernde und Jugendliche, auf der Suche nach sich selbst, zu ihrem beruflichen Leben. Die Haare wurden kürzer, die Taille fülliger und das Leben um Erfahrungen und Begegnungen reicher.
Ähnlich eines Katalysators, der chemische Prozesse in Gang bringt, sich selbst dabei aber chemisch nicht verändert, tauchte sie ein, in das Leben der anderen. Immer auf der Suche nach der Spur von Gold und dem nächsten Schritt, der eine positive Veränderung verheißen würde.
Die Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Menschen,  deren Lebensentwürfen, oft so fern ihres eigenen, den Abgründen und der Kraft der Befreiung aus scheinbar unveränderbaren Strukturen, ließen sie nicht unberührt. Sie hatte pralle Leben erlebt, ohne sie selbst gelebt haben zu müssen. Sie machte ihren Frieden damit, das geworden zu sein, was sie wurde.
Morgen würde sie zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss der Bürotür drehen, um aufzuschließen. Es würden Reden geredet werden, Umarmungen verteilt werden, Abschiedsgeschenke entgegengenommen werde und gutes Essen mit einem Schluck Sekt hinuntergespült werden. Und es wird Blitz Eis geben, bevor das Tauwetter einsetzen wird.

Admin - 04:11 @ Erlebtes und Geschautes | Kommentar hinzufügen


Über mich
Sozialpädagogin
Systemische Beraterin und Systemische Kinder-und Jugendtherapeutin

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