Blog Annettes Schreibzeug

In meinem Blog Annettes Schreibzeug erzähle ich Geschichten von Menschen, von Ereignissen und von gesammelten Momenten, die ihr in der Rubrik "Prosaquarz" findet. Dann freue ich mich, dass Lori als Gast ins Schreibzeug eingezogen ist und uns in ihrem Logbuch unter "Hör ma !" an ihren Gedanken teilhaben lässt. In der Kategorie "aus der Schreibwerkstatt" findet ihr Texte aus dem kreativen und biographischen Schreiben der  Schreibheimat Vanessa Geuen  https://https://www.schreibheimat.de/. Und zu guter Letzt gibt es auch noch Lyrik mit kurzen Gedankenschnipseln.  

Neuigkeiten im Schreibzeug

Feed

15.12.2025, 13:27

Mehr Mut. Mut, süß-sauer eingelegt

Mein Wunsch für das "Neue Jahr": Mehr Mut für mich und mehr Mut für andere. Dabei auf das Haltbarkeitsdatum, die Inhaltsstoffe und die Lagerungshinweise achten!   mehr




14.10.2025

Ein Salonabend mit Erinnerungsschätzen aus dem Kleiderschrank

20251010_200147[1].jpgEin grünes Band spannte sich quer durch den Raum. Seine Enden waren von Fenstergriff zu Fenstergriff so fest verknotet, als müsse es bald die Last von Jahren tragen. Mit Kleiderbügeln und Wäscheklammern versehen, stellte es sich in den Dienst des Abends. Noch nie hatte es eine tragende Rolle gespielt. Doch heute würde es zur Bühne werden und so reckte und streckt es sich, dass seine leicht durchhängende Mitte nicht so sehr ins Auge fallen möge. Bisher hatte es sich stets zu einem Knäuel aufgewickelt und hinter verschlossener Schranktür jene besonderen Abende miterlebt. Doch heute sollte es Teil dieses Geschehens werden. Es würde der Stimmenvielfalt der Frauen lauschen, ihre Erinnerungen und Geschichten erfahren, das Rascheln ihrer Kleider hören, während das Licht weich von den Wänden fällt und der Duft von Mut, Inspiration, Freude und Trauer in der Luft liegt. Das grüne Band war ganz und gar bereit für diesen Abend. Für den Abend im Salon, an dem es die Erinnerungsschätze aus den Kleiderschränken der geladenen Frauen präsentieren durfte.
Die erste Frau, die vortrat, hängte eine festlich geschnittene Jacke an das grüne Band – schwarz, mit schmalen roten Streifen, durchwebt von einem dezenten Glitzerfaden. Sie hatte diese Jacke erst vor kurzem geschenkt bekommen. Geschenkt von einer alten Frau, die dem Tod näher war als dem Leben. Sie hatten sich erst wenige Wochen zuvor kennengelernt, doch ihre Herzen hatten sich schon immer gekannt. Diese Jacke schien darauf gewartet zu haben, die Verbindung zweier Frauen herzustellen, eine Brücke über die Generationen zu schlagen und ein Versprechen in die Zukunft zu geben. Die Jacke passte gleich wie angegossen.
Die zweite Frau erzählte von einer Wallfahrt, die ihre Eltern vor vielen Jahren nach Mekka unternommen hatten. Dort hatte die Mutter einen wunderschönen, petrolfarbenen Seidenstoff gekauft und ihn ihr, ihrer einzigen Tochter neben sechs
Söhnen, geschenkt. Aus diesem fließenden Stoff ließ sich die Tochter eine festliche Tunika mit passender Hose nähen, die sie voller Stolz und Schönheit auf der Hochzeit ihrer besten Freundin trug. Im Laufe der Jahre geriet der Seidenanzug in Vergessenheit. Irgendwann hatte dann die Mutter all die abgelegten und vergessenen Kleidungsstücke ihrer inzwischen erwachsenen Kinder zusammengepackt und zu ihrer Verwandtschaft in die Türkei geschickt, in der Hoffnung, dass sie  dort neue Besitzer finden mögen. Darunter auch der petrolfarbene Seidenanzug. Fünfzehn Jahre später, als die Tochter erstmals mit ihrer eigener Familie die Verwandtschaft in der Türkei besuchte, fand sie den Seidenanzug dort zufällig wieder. In all den Jahren hatte er nichts von seiner Schönheit verloren, und vielleicht wird er eines Tages wieder zu einem Hochzeitsanzug werden – vielleicht zu der  Hochzeit ihres Sohnes.

Die dritte Frau hatte bisher still in ihrem Sessel gesessen, hatte den Geschichten aufmerksam zugehört und ihren Blick in die Leere fallen lassen, wenn sie eine Pause brauchte. Wenn sie von den Energien, die durch den Raum flossen, drohte, überflutet zu werden. Sie hatte ihr mitgebrachtes Kleidungsstück nicht wie die anderen Frauen an das grüne Band gehängt. Nun war es jedoch an der Zeit, ihre eigene Geschichte zu erzählen.
Vorsichtig grub sie in ihrer Tasche und holte einen kleinen, hübschen Karton hervor, den eine zarte Borte schmückte. Sie streifte die Borte ab und hob behutsam den Deckel an, als könne im Inneren des Kartons etwas Kostbares zerbrechen. Hervor kam ein kleines, aus zarter weißer Wolle gesticktes Baby-Jäckchen mit zugehörigem Mützchen und Hemdchen. Ihre Hände und ihre Stimme zitterten etwas, als sie zu sprechen begann. Diesen hübschen Karton mit den Babysachen hatte sie zum sechzigsten Geburtstag von ihrer inzwischen betagten Mutter geschenkt bekommen – ein Geschenk, das sie unglaublich berührt hatte. Sie hatte nicht geahnt, dass ihre Mutter die Taufkleidung für sie aufbewahrt hatte und hätte es auch nicht für möglich gehalten. Es hatte 60 Jahre gebraucht, bis ihre Mutter einen Weg fand, ihrer Tochter zu zeigen, wie wertvoll sie für sie ist.
Nach einem Moment der Stille gab die vierte Frau ein inzwischen leicht vergilbtes Foto in die Runde. Darauf  war eine kleine, festlich gekleidete Gesellschaft zu sehen, eine Hochzeitsgesellschaft. Die junge Frau auf dem Foto, in einem schlichten, grünen Baumwollkleid, das die leichte Wölbung des Bauches nicht mehr verschwinden lassen konnte, war nicht als Braut zu erkennen. Während das Foto in der Runde weitergereicht wurde, fand das Kleid seinen Platz am grünen Band. „Ich wollte niemals heiraten. Heiraten war für mich damals gleichbedeutend mit „unsichtbar werden.“ Aufbruch, Feminismus, Friedensbewegung und WG-Leben waren die Schlagworte ihres Lebens gewesen. Nun sollten sie durch die Worte Heirat, Mutterschaft, Hausfrau, Eheringe und Namenswechsel abgelöst werden. Sie hatte dem Druck ihres Vaters nachgegeben, der es ihr nicht zugetraut hatte, ohne die Versorgung eines Ehemannes ein Kind zu bekommen. Sie wollte das Kind. Sie wollte den Mann. Sie wollte nur nicht unsichtbar werden.

Die fünfte Frau begann ihre Geschichte mit den Worten: „Mein Vater sagte mir, dass eine Frau, die dick und klug ist, keinen Mann abbekommt – und ich war beides.“ Als sie später als junge Frau durch eine politisch motivierte Fastenaktion an Gewicht verloren hatte, trat eine Seidenbluse in ihr Leben. Cremefarben, seidig schimmernd und perfekt geschnitten, verschenkte sie das Gefühl, eine schöne Frau zu sein. Die Bluse ging verloren und nahm das Gefühl, schön zu sein, gleich mit. Jahre vergingen, bis sie sie wiederfand. Es war nicht dieselbe Bluse wie damals, doch sie machte dasselbe Gefühl wie damals, nur besser. Mit ihrem glitzernden, einknöpfbaren Kragen konnte die Bluse sie im Handumdrehen zur Diva machen. Heute war die fünfte Frau  schön, klug und einen Mann hatte sie auch.

Als alle Geschichten erzählt waren, trat eine Stille ein. Diese Stille war nicht leer. Sie war gefüllt mit den lebendig gewordenen Erinnerungen und Bildern der Frauen. Fünf einzigartige Kleidungsstücke, jedes mit seiner Geschichte, wurden von dem grünen Band getragen und damit Brücken zwischen Generationen, Träumen und Kämpfen geschlagen.

Admin - 04:55:09 @ Knicklichter | Kommentar hinzufügen



E-Mail
Anruf
Infos