Blog Annettes Schreibzeug

In meinem Blog Annettes Schreibzeug erzähle ich Geschichten von Menschen, von Ereignissen und von gesammelten Momenten, die ihr in der Rubrik "Knicklichter" findet. Dann freue ich mich, dass Lori als Gast ins Schreibzeug eingezogen ist und uns in ihrem Logbuch unter "Hör ma !" an ihren Gedanken teilhaben lässt. In der Kategorie "aus der Schreibwerkstatt" findet ihr Texte aus dem kreativen und biographischen Schreiben der  Schreibheimat Vanessa Geuen  https://https://www.schreibheimat.de/. Und zu guter Letzt gibt es auch noch Lyrik mit kurzen Gedankenschnipseln.  

Neuigkeiten im Schreibzeug

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18.04.2026, 14:15

Von Praka, Pickelcreme und Prinzen

Ein Märchen aus den 70 ger Jahren. Märchenbücher sind voll von kleinen Mädchen und jungen Frauen, die gottverlassen auf der Welt sind. Und was tun sie? Sie retten Männer, oder finden in Anbetracht ihrer Anmut...   mehr


10.03.2026, 20:46

Die Perfektion und der Zweifel

Früher war ich hübsch. Damals wusste ich es nicht, ich verbrachte meine Zeit mit Zweifel. Warum eigentlich?   mehr




19.04.2026

Von Prinzen, Parka, Pickelcreme Ein Märchen aus den 70ern

20260418_135629[1].jpgGibt es eigentlich Märchen aus den 70ern? Ich glaube nicht. Märchen sind meist alt und die Protagonist: innen tragen wallende Kleider, die von Nussbäumen geschüttelt wurden, kurze Schürzchen, um Goldtaler aufzufangen, Federhüte oder gar keine Kleidung – ohne es in ihrer Selbstverliebtheit zu merken. Doch was soll ich sagen: Märchen finden auch in „Hot-Pants“, Boho-Blusen, Boots oder olivgrünen Parker-Jacken statt, an deren Ärmeln mit einem dicken Filzstift ein Kreis mit einem großen „A“ gemalt ist. „A“ für Anarchie.
In unserem Märchen ist es ein junges Mädchen, pickelig, etwas zu mollig für ihr eigenes Dafürhalten, übersät mit verhassten Sommersprossen und eben mit diesem olivgrünen Parker. Ihre aufblühende Jugend hatte sie mit abdeckender Pickelcreme bestrichen, ihre Pullover hingen weit um ihren Körper und waren bis auf wenige Ausnahmen schwarz. Ihre langen Haare trug sie sorgsam durch einen Mittelscheitel geteilt. Ihre Zähne wären wenige Jahre später durch eine Zahnspange begradigt worden, doch nun blitzten sie in ihrer Unsortiertheit bei jedem Lächeln charmant hervor.
Eines Tages fand dieses junge Mädchen einen Zettel in ihrem Briefkasten. Der Zettel war ohne Absender oder sonstigen Hinweis auf seine Herkunft. In krakeligen Buchstaben las sie: „Werde, was du bist.“ Und im selben Moment entzündete sich das Stück Papier ganz von selbst. Aschige Restfetzen schwebten zu Boden. Ungläubig schaute sie ihnen nach. Binnen Sekunden war von all dem nichts mehr übrig, was auf die Existenz dieses Zettels hingewiesen hätte.
Welcher spätpubertierende Hobby-Philosoph wollte sich bei ihr mit Hilfe von Nietzsche wichtigmachen und sie mit der Selbstentzündung des Zettels beeindrucken? In Gedanken ging sie alle Menschen durch, die als Verfasser dieser Aktion in Frage kommen könnten. Doch die gedankliche Sortierung war schnell erledigt. Sie hatte keine Freunde, keine Familie, keine Verwandten. Sie war allein auf der Welt.
Wenn du jetzt denkst: „Ich hab’s doch gewusst, dass sich in dieser Geschichte noch der Buchdeckel eines dicken Grimm’schen Märchenbuchs öffnen würde“, dann hast du Recht. Märchenbücher sind voll von kleinen Mädchen und jungen Frauen, die gottverlassen auf der Welt sind. Und was tun sie? Sie retten Männer, oft in Gestalt ihrer Brüder, oder Königreiche, müssen dem Wolf aus dem Bauch geschnitten werden oder finden in Anbetracht ihrer Anmut und Schönheit Unterschlupf bei einem Prinzen. Wobei wir inzwischen alle wissen, wie sexistisch und frauenfeindlich Prinzen sein können.

Unruhe machte sich in dem Mädchen breit. Was sollte sie tun? Ihr Blick fiel auf ihre Hände. Am Mittelfinger trug sie seit Jahren einen Ring – einen Ring mit einem großen Aquamarin. Ein Aquamarin, so blau wie die Augen ihrer Großmutter. Die Großmutter war einst eine reiche, schöne und stolze Frau gewesen, deren Liebe ihr versagt geblieben war. Sie hatte einen dumpfen Bauerntölpel zum Mann nehmen müssen, damit das wachsende Geheimnis ihres Bauches bewahrt bleiben konnte.
Dann fiel dem Mädchen plötzlich die Geschichte von dem Schlüssel wieder ein. Eine Geschichte, die ihre Großmutter so oft erzählt hatte: Der Schlüssel sei alt. Sehr alt. Niemand wisse, wofür er einst geschmiedet wurde. Dieser Schlüssel könne nicht wie eine Staffel von Hand zu Hand weitergegeben werden. Weitergegeben werde nur das Wissen um seine Existenz. Jede müsse ihn wieder neu finden. Die Großmutter habe ihn besessen – und auch ihre Mutter. Das Mädchen erinnerte sich an den Glanz im Gesicht der Großmutter und an die Vollkommenheit um sie herum, als würde der Besitz des Schlüssels alle offenen Seelenporen schließen können.
Nun wusste das Mädchen, was zu tun war: Sie musste auf eine Reise gehen.
Wenn du jetzt glaubst, dass eine Kutsche, ein weißes Ross oder ein fliegender Teppich ins Bild kommen, so bist du im Irrtum. Das Mädchen kaufte sich eine Zugfahrkarte nach Paris.
Schon am nächsten Tag quetschte sie sich durch die mit Menschen überfüllten Gänge eines Zuges. Wie ein Wunder fand sie einen Platz in einem fast leeren Abteil und ließ sich in den mittleren Sitz plumpsen. Erst als sie hochschaute, bemerkte sie ihre Mitreisenden. Ihr gegenüber saß ein freundlich lächelnder, kahlköpfiger Mann. Er trug einen schwarzen Anzug, der vor vielen Jahren im Wachstum stehen geblieben schien und den weitergewachsenen Körper an Armen und Beinen nur noch unzulänglich bedeckte. Ihm gegenüber saß ein Baby, das zum großen Erstaunen des Mädchens aufstand und sie in einer fremden Sprache begrüßte. Das Gesicht des Babys war alt und faltig, seine Augen schien schon viel gesehen zu haben und blickte ein wenig müde, mit mildem Lächeln in ihr Gesicht. Seine Augen waren blau, so blau wie ein Aquamarin.
Der Blick des Mädchens wanderte von einem zum anderen und obwohl ihre Mitreisenden sonderbar wirkten, verspürte sie keinerlei Angst oder Unbehagen.
„Darf ich mich vorstellen“, näselte der kahlköpfige Mann und eine braun gesprenkelte Hand mit dünnen, blauen Venen Fäden reckte sich aus dem viel zu kleinem Jackett. „Ich bin Jonathan. Ich bin ein Reisender. Hauptberuflich, selbstverständlich. Ich reise immer mit.“ Da sein Satz nicht zu Ende gesprochen schien, schaute das Mädchen auf und hoffte, auch das Ende des Satzes noch zu erfahren. Doch der Mann namens Jonathan machte keine Anstalten weiterzureden, um zu erklären, womit er hauberuflich reise.
Erst der fragende Blick des Mädchens ließ ihn weitersprechen. „Ich reise immer mit dem Ende des Satzes meiner Mitreisenden und mit einem Koffer voller Fragen. Fragen, für die es keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Es gibt nur Antworten, die die Menschen näher an ihre eigentliche Frage bringt“.
Das Mädchen schaute verwirrt in die lächelnden Augen des Mannes. Hier war sie richtig.

Admin - 00:42:07 @ Knicklichter | Kommentar hinzufügen

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