Blog Annettes Schreibzeug
In meinem Blog Annettes Schreibzeug erzähle ich Geschichten von Menschen, von Ereignissen und von gesammelten Momenten, die ihr in der Rubrik "Knicklichter" findet. Dann freue ich mich, dass Lori als Gast ins Schreibzeug eingezogen ist und uns in ihrem Logbuch unter "Hör ma !" an ihren Gedanken teilhaben lässt. In der Kategorie "aus der Schreibwerkstatt" findet ihr Texte aus dem kreativen und biographischen Schreiben der Schreibheimat Vanessa Geuen https://https://www.schreibheimat.de/. Und zu guter Letzt gibt es auch noch Lyrik mit kurzen Gedankenschnipseln.
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29.06.2026, 16:11
"Vom Da-sein, wenn Nichts mehr da ist".
Dies ist die Geschichte über den Trost einer Dose mit grober Leberwurst, wie tröstlich ihre graue Masse sein kann, wenn sie einfach da ist, wenn man sie braucht. mehr
18.04.2026, 14:15
Von Prinzen, Parka, Pickelcreme
Ein Märchen aus den 70 ger Jahren. Märchenbücher sind voll von kleinen Mädchen und jungen Frauen, die gottverlassen auf der Welt sind. Und was tun sie? Sie retten Männer, oder finden in Anbetracht ihrer Anmut... mehr
10.03.2026, 20:46
Früher war ich hübsch
Früher war ich hübsch. Damals wusste ich es nicht, ich verbrachte meine Zeit mit Zweifel. Warum eigentlich? mehr
30.06.2026
Vom Da-sein, wenn Nichts mehr da ist
Ich verbrachte die letzten heißen Wochen des Sommers in meinem Campingbus und fuhr täglich in die Klinik, genauer gesagt auf die Palliativstation der Klinik, und begleitete einen geliebten Menschen in seinen letzten Wochen.
Eines Morgens kurz vor dem Aufwachen hatte ich einen Traum. Mein Herz pochte, die Bettdecke war zerwühlt, mein Hemd klebte am Körper. „Ich kämpfe auch für Dosenwurst.” Dieser Satz stand in meinem Gehirn, wie der Klappaufsteller vor einer Dönerbude mit den aktuellen Angeboten. Langsam kehrte ich in die Realität des Raums zurück. Die Luft war heiß und stickig im Bus. Mein Kopf brummte. Seit 22 Tagen war ich hier. 22 Tage zwischen Leben und Sterben.
Als ich über drei Wochen zuvor mit meinem Campingbus durch das grüne, knarzende Tor gefahren war, fühlte es sich ein bisschen nach Heimat an. Nach vielen Stunden auf der Autobahn hatte ich endlich einen kleinen Stellplatz gefunden, der mehr an einen Garten erinnerte als an einen Ort für Wohnmobile. Der von großen Tannen beschattete Garten mit bunten Inseln aus Hortensien und Pfingstrosen war in diesen drei Wochen zu meinem Zufluchtsort geworden. Zuflucht vor dem nahenden Tod eines geliebten Menschen.
Ich hatte es versprochen. Ich hatte versprochen, da zu sein, wenn es so weit ist. Ich hatte versprochen, den Weg mitzugehen, solange er zu gehen ist. „Ich bin da”, hatte ich gesagt. Und jetzt dieser Traum von der Dosenwurst. Was für ein blöder Traum! Was war so beunruhigend an ihm, dass mein Herz beim Aufwachen bis zum Hals schlug?
An dem Abend wurde es spät. Es dämmerte schon, als ich von der Palliativstation den kleinen Garten erreichte, meinen Bus aufschloss und nach Essbarem suchte. Da kam sie mir entgegengerollt. Die längst vergessene Dosenwurst. 22 Tage lang war sie bei jedem Öffnen der Schublade nach vorn gerollt. Vorbei an Müsliriegeln, eingesteckten Zuckertütchen des letzten Café-Besuchs und der eisernen Reserve an Tomatenmark.
Schnell hatte ich mit dem neuen, sensationell guten Dosenöffner die flache Dose mit fetter, grober Leberwurst geöffnet. Als ich mit meinem Messer das Innere der Wurstdose abfuhr, ignorierte ich den weißen Fettrand, und ein zunehmend großer Berg von grauer, grobstückiger Leberwurst türmte sich an meinem Messer auf. Mit großer Lust verstrich ich meine Messerbeute auf dem Brot. Mit so viel Genuss hatte ich mich noch nie über grobe Leberwurst in der Dose hergemacht. Sie wurde mir zur Delikatesse.
Dosenwurst. Grob, stückig, manchmal mit fettem Rand. Soweit so gut. Nichts Besonderes. Oder doch? Sie wird immer besser, je unerwarteter sie auf den Teller oder das Frühstücksbrettchen fällt. Dann, wenn sie überraschend in den Tiefen der Vorratsschublade gefunden wird. Wenn alles wichtiger geworden ist, als den Kühlschrank oder den Vorrat aufzufüllen. Wenn Krankheit, Liebeskummer, Tod, Trauer den bisher gewohnten Alltag mitgenommen haben. Wenn Zeit, Kraft und Können abhandengekommen sind. Wenn der „Serrano-Schinken” beginnt, bunt zu schillern, der Käse grünen Pelz ansetzt, das frische Gemüse und Obst aufgebraucht sind, wenn uns die Tube Senf und die angefangene Flasche Worcestersoße aus der Kühlschranktür stumm entgegenstieren, dann ist sie da. Die große Stunde der Dosenwurst. Freudig fliegt dann der Dosenöffner über den Rand der Konserve, und beim Hochbiegen des Deckels lächelt einem der sonst eher verschmähte Fettrand entgegen. Lustvoll fährt das Messer in die graue oder rosafarbene Masse, und nach wenigen Bissen verbreitet sich ein wohliges Gefühl in der Magengegend.
Gut, dass sie da war.
Admin - 02:02:42 @ Knicklichter | Kommentar hinzufügen

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