22.08.2026
Niemals hätte sie an eine Verbindung zwischen Mensch und Tier geglaubt. Ihre Kindheit war ohne Haustiere verlaufen, und sie hatten ihr auch nie gefehlt. Haustiere ließen sie kalt. Keine Streichelimpulse kamen über sie, wenn sich eine Katze schnurrend um ihre Beine schlang oder ein Hund mit treuem Blick aus braunen Augen um Aufmerksamkeit warb.
Zeitlebens hatte sie Hunde gemieden, unzählige Male die Straßenseite gewechselt, wenn ihr ein Mensch mit einem Hund entgegengekommen war, hatte angstvoll aufgeschrien, wenn er „nur spielen wollte“, unabhängig von seiner Größe oder Rasse.
Doch dann kam Pino.
Das Erste, was sie von Pino hörte, war das leise Trippeln seiner Pfoten auf dem blank geputzten Boden eines Klinikflurs.
An Pino war nichts Besonderes. Ein kleiner, braun-grauer Hundemischling, an dessen DNA sicher viele Hunderassen beteiligt gewesen waren. Jeden Montag besuchte er sterbende Menschen, die sich seinen Besuch wünschten.
An ihrem letzten Montag hatte sie sich seinen Besuch gewünscht.
Sie bekam ein kleines, weiches Tuch auf ihre magere Brust gelegt, und Pino nahm vorsichtig darauf Platz. Behutsam drehte er ihr seinen Rücken zu und bot ihr sein lockiges, weiches Fell zum Kraulen an.
Zaghaft begannen ihre Hände, Pinos Fell zu streichen, zu kraulen, sich darin zu vertiefen. Selbstvergessen, zärtlich, genussvoll, ganz im Einklang mit ihm.
Ihre Hände gruben sich in sein Fell, fuhren auf und ab über seinen Rücken, hielten inne, während ihre Augen geschlossen waren. Die Stille im Raum wurde warm. Der beidseitige Genuss schien mit Händen greifbar zu sein.
Es entstand eine Verbindung zwischen Mensch und Tier, jenseits von Führen und Folgen, vereint in der gemeinsamen Kreatürlichkeit, der Vergänglichkeit und der Verwurzelung in der Natur.
Erst als Pino seinen Kopf herumdrehte, sie anschaute, dabei aus seinem kleinen Pino-Maul ausatmete und der Geruch seiner alternden Zähne spürbar wurde, endete der Zauber.
Admin - 07:01:29 @ Knicklichter
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